Arbeitseinsatz
“Oft ist einer umgefallen vor Hunger.”
(Margaretha G., Frau des Schachtmeisters der Firma Karl Häberle)
Auch die Neckargartacher Häftlinge waren Opfer des SS-Konzepts „Vernichtung durch Arbeit“.
Die wichtigsten Arbeiten wurden rund um das Salzbergwerk Heilbronn ausgeführt. Für die Verlagerung einer IG Farben-Produktionsstätte zur Herstellung von synthetischen Treibstoffen mussten die Häftlinge Zwangsarbeit leisten, und zwar in 12- bzw. 11-stündigen Tag- und Nachtschichten. Das Essen für die einstündige Pause wurde in großen Behältern zum Bergwerk gefahren. Die Gefangenen schleppten Zementsäcke, arbeiteten am Betonmischer, beförderten Abraum, kurz: sie leisteten Schwerarbeit.
Organisiert wurden die Vorarbeiten für das Rüstungsprojekt durch die paramilitärische Bau-Truppe Organisation Todt (OT) im Zusammenspiel mit der Firma Julius Berger Tiefbau AG. Der nebenstehende Stempel mit Unterschrift von OT-Major Gustav Martin verdeutlicht diese Kooperation, über deren Details aber wenig bekannt ist.
Die Kommandantur Natzweiler stellte im Januar 1945 eine Direktive auf, die jeglichen Kontakt zwischen KZ-Häftlingen, die im Salzwerk Heilbronn arbeiteten, und den Arbeitern des Salzwerks verbot (s. Abb. unten rechts). Das Salzwerk nahm die Direktive Anfang Februar lapidar zur Kenntnis.
Allerdings hatte es unter Tage eine große Anzahl von Beschwerden gegeben, weil die Häftlinge, auch im Schutze der Dunkelheit, fortwährend Diebstähle begingen, insbesondere an eingelagerten Waren, aber auch an Kaffee, Zigaretten, Getränken und Esswaren der Belegschaft. Die Liste der gestohlenen Waren ist lang: Chinin der Firma Boehringer, Medizin (wohl Paracodin) der Firma Knoll, Waren von Tengelmann, Sprengkapseln, Werkzeuge u. a. mehr (exemplarisch: StadtA HN D065-95 Salzwerkmitarbeiter Dietz handschriftlich an Direktion, 25.01.1945). Es wurden daher die Kripo Heilbronn, die Gestapo Heilbronn und das Bergamt Stuttgart informiert (exemplarisch: StadtA HN D065-95 Salzwerke an Bergamt Stuttgart v. 24.02.1945). In letzterem Schreiben hieß es in süffisantem Verwaltungsdeutsch; „Der Verdacht der Täterschaft geht zweifellos auf die K.Z.-Häftlinge, die ihre Einbrechertalente bei der gewaltsamen wie geschickten Zugänglichmachung zu Bergungsräumen ausreichend unter Beweis gestellt haben.“
Erstaunlich selten wird die SS bezüglich Postenverstärkung und besserer Kontrolle angesprochen. Zentraler Ansprechpartner für das Salzwerk ist die Organisation Todt mit Sitz in der Wimpfener Straße 20. Dass die OT-Aufsicht nicht immer zimperlich mit den beschuldigten Häftlingen umging, belegt ein Bericht des OT-Poliers Lindner, in dem von Züchtigung und Prügeln die Rede ist (StadtA HN D065-95, Bericht Lindner, Nacht vom 23. zum 24.12.1944). Letztlich konnten die „Beraubungen“ kaum eingedämmt werden.
Auch über Tage waren die Häftlinge im Einsatz. Ein Schrägstollen im Industriegebiet und ein zweiter Senkrechteingang östlich der Karl-Wüst-Brücke waren zu graben. Beide Vorhaben wurden nicht zu Ende geführt und unter Tage wurde nie etwas produziert.
Dies lag auch daran, dass die Häftlinge nach dem verheerenden Bombenangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 zum Räumen der Trümmer, zur Bergung und Bestattung der Toten, zur Instandsetzung der Infrastruktur und zum Entschärfen der Bomben abkommandiert wurden. Letzteres taten sie auch in Neckarsulm. Ansatzweise kam es dadurch zu einem Stimmungsumschwung in der Bevölkerung, die die Häftlinge nicht mehr abwertend wie zuvor betrachtete.
Über bisherige Annahmen hinaus war eine größere Zahl von Häftlingen beim „Ehrengräberfeld Köpfertal“ eingesetzt. Dies zeigt der Briefwechsel zwischen dem Oberbürgermeister Gültig und dem Lagerkommandanten Neckargartachs. Wohl der Fluchtgefahr wegen bei Dunkelheit wurden die Arbeiten auf 16 Uhr begrenzt. Zu bedenken ist auch der mehrere Kilometer lange Anmarsch von und nach der Böllinger Straße.
Der Stuttgarter Friedhofsdirektor Bauer hatte wie auch weitere Verantwortliche am 16. Dezember 1944 den Häftlingseinsatz positiv bewertet: „Die Strafgefangenen setzen sich[,] nachdem sie eine Verpflegung erhalten haben[,] bisher von allen Kräften am besten ein.“ (Brief an OB Gültig, StadtA B038-33, Bl. 6)
Direkt am neuen Ehrenfriedhof war ab 16.12.1944 auch der städtische Angestellte Emil Hartmann mit der Leichenbestattung befasst. 1953 berichtete er über das Zusammentreffen mit den Häftlingen. Von anfänglicher Skepsis und Ablehnung geprägt wandelte sich das Verhältnis zu Aufgeschlossenheit und Dankbarkeit:

Bericht von Erich Hartmann, Stadtobersekretär i.R., über seine Tätigkeit auf dem Ehrenfriedhof vom 6.12.1944 - 19.4.1945, datiert 2.3.1953 (StadtA HN D043-25)
Als Schutzraum für die Anwohner wie auch für die SS-Truppe hatten die Lagerinsassen an der Böllinger Straße, also ganz in der Nähe des Lagers, einen Luftschutzstollen zu graben.
Begehrt waren Erntearbeiten bei Neckargartacher Landwirten, etwa bei der Rübenernte. Zum einen konnte der Wachposten durch Brot und Most abgelenkt werden, zum anderen gaben sich die Wachen in Anwesenheit der Landwirte weniger brutal. Auch konnten die Häftlinge Essbares ergattern. Dies war auch beim Trümmerräumen möglich, weil sich in den Kellerräumen haltbare Nahrungsmittelwaren wie Marmelade oder Tomaten fanden.
Der slowenische KZ-Häftling Stane Uršič musste auch Trümmer räumen. Einmal erbeuteten sie unter Aufsicht eines slowenischen Kapos im Hafenbereich, nachdem Uršič den Posten zuvor gefragt hatte, „ein paar Flaschen guten Wein, Marmelade und ein komplettes Porzellanservice.“ Da entdeckte und verfolgte der Aufsicht führende Feldwebel sie und den Posten. In einem Ziegelhaufen konnten sie die zwei Flaschen Wein verstecken, doch der Feldwebel stellte sie: „Alles raus!“ Sie mussten Namen und Nummern angeben, abends beim Rapport würden sie bestraft. Der Posten weinte. Um fünf Uhr kam dann der Kapo: „Schade um die schönen Sachen.“ Der Posten darauf: „Essen Sie alles auf!“ Er selbst nahm die zwei versteckten Flaschen Wein mit. Abends passierte dann erstaunlicherweise nichts und der Posten brachte Uršič 15 Tage lang Brot.
Unzweifelhaft waren die harten Arbeitsbedingungen zusammen mit SS- und Kapo-Gewalt sowie schlechter Ernährung, mangelhafter Kleidung und fast gänzlich fehlender medizinischer Versorgung entscheidend für die hohe Sterberate von etwa einem Drittel.







