Außenlager Neckargartach
“Die Neckargartacher waren nicht wenig erstaunt, als eines Tages im September 1944 an der Böllinger Straße beim Sportplatz 19 große Baracken und einige kleinere Wirtschaftsgebäude erstellt wurden. […] Das Rätsel [, wer hier einziehen sollte,] löste sich, als das Ganze […] nach wenigen Tagen mit Männern belegt wurde, die an ihren zebragestreiften Hosen und Kitteln unschwer als KZ-Häftlinge zu erkennen waren.” (Steinhilber 1960)
Doch die Errichtung der Baracken und Wachtürme, des Stacheldrahtzauns, der Wasser- und Stromleitungen usw. ging der eigentlichen „Inbetriebnahme“ des KZ Neckargartach mehrere Wochen und Monate voraus. Das Lager wurde erst Anfang September 1944 mit Häftlingen belegt. Das Gros der Häftlinge, die 600 aus dem Natzweiler-Außenlager Markirch „überstellten“, kam wohl um den 9. oder 10. September. Auch die aus Radom über Vaihingen gekommenen Wachmannschaften waren schon Mitte August vor Ort und in den Lageraufbau einbezogen. Die Organisation Todt, die Bautruppe des NS-Staates, spielte beim Bau der Infrastruktur und bei der Unterhaltung des Lagers ebenfalls eine Rolle.
Sanitär- und andere Anlagen wie auch die Küchenbaracke erbaute die Heilbronner Firma Paul Ensle, wie deren Polier Christian Heinzelmann nach dem Krieg bestätigte. Von Seiten der SS sowie der Baufirma Julius Berger war in der Neckargartacher Gaststätte „Zum Schiff“ ein Vorauskommando untergebracht worden.
Am Anfang dieser Maßnahmen stand jedoch die Planung des Lagers, die das Baubüro Prof. Rimpl mit einer Niederlassung im Stadtzentrum übernommen hatte. Der Plan ist im Stadtarchiv vorhanden und wurde im Wesentlichen auch umgesetzt, wie Luftbilder und Häftlingserinnerungen belegen. Der Plan spricht unverhüllt von einem „K-Z-Lager“ und nennt als Belegstärke „800 Mann“, die jedoch zumindest zeitweise deutlich überschritten wurde.
Hierarchisch eingebunden war das sog. „SS-Arbeitslager ‚Steinbock‘“ (ein Deckname für das Rüstungs-Verlagerungsprojekt im Salzbergwerk) in die Kommandantur des Hauptlagers Natzweiler. Die wurde nach dem Heranrücken der Amerikaner Ende November nach Nordbaden und später von der Front weiter weg verlegt. Noch am 16. November 1944, wenige Tage vor der Verlegung über den Rhein, ließ der Neckargartacher Lagerkommandant Gillberg per Telegramm den Tod des russischen Häftlings Fedor Pawlenko (im Dokument falsch geschrieben) über Straßburg nach Natzweiler melden.
Neckargartach und sein Nachbarlager Kochendorf waren Teil eines zahlreiche „Satelliten“ umfassenden Netzes von Außenlagern, sodass von einem KZ-Komplex Natzweiler gesprochen werden muss. Gegen Ende des Krieges verringerte sich die Kontrolle durch die Zentrale allerdings.
Vom Lager selbst existiert kein Foto, abgesehen von den genannten Luftbildern.
Vier Wachtürme und ein doppelter Stacheldrahtzaun sollten die Flucht der Gefangene verhindern. Gegenüber der Kommandanturbaracke, in der auch der Lagerälteste und weitere Funktionshäftlinge ihren „Dienst“ taten, fällt links vom Eingang an der Böllinger Straße eine große Küchenbaracke mit Anbau ins Auge. Außer einer Vorrats- und einer Krankenbaracke sowie Waschgelegenheiten waren für die Häftlinge sieben rund zwanzig Meter lange Baracken ohne Heizung bestimmt. In diesen waren mit wechselnder Belegung wegen der Tag- und Nachtschichten zwischen 150 und 200 Häftlinge eingepfercht. Sie schliefen auf mehrstöckigen Holzpritschen mit Strohsäcken. Nach kurzem Schlaf begann das immer gleiche Ritual als Auftakt einer langen Arbeitsschicht:
“Der Lageralltag begann um vier Uhr morgens, wenn durch die Funktionshäftlinge mit Lärm und Prügeln geweckt wurde. Nach dem Waschgang gab es Ersatzkaffee. Dem Zählappell folgte der Marsch zur Arbeit, die in der Tagschicht um sechs Uhr begann. Als die Nachtschicht nach halb sieben Uhr im Lager ankam, trafen sie nur noch die wenigen im Lager verbliebenen Häftlinge.” (Fischer/Huth 2004, S. 50)





