SS-Wachmänner
“Ich habe in Heilbronn auch geschlagen, aber eine Peitsche war im Lager nicht zu sehen.”
(SS-Unterscharführer Robert Frick)
"[Der Kamerad] sagte, er sei mit einer dieser Peitschen geschlagen worden, diesen biegsamen Peitschen, die Gillberg immer trug, die Art, die Gillberg auf diesem Mann zerbrochen hatte, obgleich sie nicht brechen sollten.“
(Tadeusz Wastowicz, KZ-Häftling)
In Neckargartach waren rund 90 Wachleute für die Bewachung der Häftlinge zuständig. Der Wochenbericht vom 12.11.1944 spricht von 87 bzw. 88 Männern. Sie kamen überwiegend von der SS und waren Teil der 6. Wachkompanie des 1. Wachsturmbanns Konzentrationslager Natzweiler der Waffen-SS. Otto Lind war der örtliche Vorgesetzte („Spieß“) dieser Wachleute.
Im Lager selbst war der Oberscharführer Johannes Gillberg Kommandant. Ihm zur Seite standen vor allem vier SS-Männer: Rottenführer Julius Barsa, Unterscharführer Willi Bauss und Unterscharführer Robert Frick. Oberscharführer Julius Brandauer war für die Hunde zuständig. Herausgehoben durch seinen Dienstrang war ebenfalls SS-Oberscharführer Arnold Stange.
Die Wachmannschaften bestanden zu einem großen Teil aus Rumäniendeutschen. In einer neueren Liste gehört rund die Hälfte der etwa vierzig bekannten Wachleute zu dieser Gruppe. Davon wiederum kam ein großer Teil aus Dörfern der Gegend um Hermannstadt (Sibiu). Kaum ein Wachmann stammte aus Südwestdeutschland.
Das auch von Augenzeugen berichtete „jugendliche“ Alter der SS-Männer kann präzisiert werden. Aus knapp vierzig bekannten Geburtsdaten lässt sich ein Durchschnittsalter von gut 30 Jahren im September 1944 errechnen. Doch diese Zahl verzerrt den Sachverhalt. Über die Hälfte war zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, sogar zwei 19-Jährige waren darunter. Das am häufigsten vertretene Alter war 23 Jahre. Die beiden ältesten Wachmänner waren 51 bzw. 58 Jahre alt.
Auch bezüglich ihrer „KZ-Karriere“ gibt es Gemeinsamkeiten. Die Hälfte der bekannten Namen war zuvor in den Majdanek-KZs Lublin und/oder Radom und teilweise Vaihingen/Enz. Nach Neckargartach war Dachau für die meisten Endstation, für manche erst der Tegernsee, wo sie jeweils von den Amerikanern gefangen genommen und registriert wurden.
Mindestens vier Wachleute begannen über die Waffen-SS Wien ihre Laufbahn.
Besonders zwei Wachleute weisen aber andere Biografien auf: Oberscharführer Josef Brandauer, ein Österreicher, war nach Krakau und Łódź in den Konzentrationslagern Neuengamme, Treis, Bruttig und Neckargerach. Fritz Sorgalla war bis Januar 1945 in Majdanek und Auschwitz sowie in deren Nebenlagern gewesen.
Zahllos sind die Berichte über Gewalttaten der SS-Leute innerhalb und außerhalb des Lagers. Fußtritte, Faustschläge, Kolbenhiebe, Peitschengebrauch werden in den Nachkriegsprozessen besonders bei Gillberg, Frick und Stange festgehalten. Bei einer Vernehmung räumt der SS-Mann Frick Gewaltübergriffe und eine Tötung sogar selbst ein:
“Ich habe da [in Radom, HR] auch Leute geschlagen. […] Es kann möglich sein, dass mal einer aus der Nase blutete. […] Ich kann mich einmal erinnern[,] dass ich eine Frau an den Haaren gezogen habe. […] Ich habe ausserhalb der Stadt RADOM [bei der Evakuierung, HR] einen Häftling auf der Flucht erschossen, der war schon 80 mt. entfernt im KORNFELD und da haben wir zu 3 Mann auf ihn geschossen, wer ihn getroffen hat, das weiss ich nicht, aber ich nehme an ich. […] Ich habe in Heilbronn auch geschlagen, aber eine Peitsche war im Lager nicht zu sehen, es wurde nur mit der Hand geschlagen.” (Risel 2025, S. 40)
In der Minderheit sind Berichte über menschliches Verhalten von Wachleuten:
Auf dem Rückweg nach Neckargartach fanden die Häftlinge einen toten Wolfshund ohne Kopf. Der Wachmann erlaubte, ihn mitzunehmen: „Macht, was ihr wollt!
Flüchtet aber nicht! Sonst erwartet mich das Standgericht.“ Sie zogen dem Tier das Fell ab und weideten es aus. Der Koch machte daraus schmackhafte Koteletts. (Risel 2025, S. 75)
Die von den Amerikanern Gefangenen wurden nach einiger Zeit in Internierungslagern teilweise nach Polen ausgeliefert, besonders am 22. November 1946. Andere Täter lieferte man an Frankreich aus.
In Polen wurden mehrfach 10-jährige Haftstrafen ausgesprochen, allerdings amnestierte man viele SS-Verbrecher Mitte der 50er Jahre.
In den Rastatter Prozessen wurden der Lagerkommandant Gillberg (zunächst 15 Jahre), Robert Frick (15 Jahre), Michael Barff (4 Jahre) und Arnold Stange (15 Jahre) verurteilt. Der „Spieß“ Otto Lind wurde ebenso freigesprochen wie der Lagerälteste Karl Geissler. Die Verurteilten saßen ihre Haftstrafe in der Regel nicht vollständig ab. So kam etwa SS-Sturmmann Barff durch die Weihnachtsamnestie im Dezember 1949 frei.
In Russland in Haft waren beispielsweise Günther Konietzny (etwa 4 Jahre) und der für den Tod des Häftlings Bruno Paolazzi verantwortliche Ernst Pöschke (8 Jahre) in Haft.
Nach der Haft siedelten sich einige der Täter in Neckargartach bzw. Heilbronn an und gründeten Familien. Während der Lagerexistenz hatte es intensive Beziehungen der SS-Leute zu Neckargartacher Frauen gegeben, so dass ein Augenzeuge nach dem Abzug der SS mit den Häftlingen, dem Todesmarsch, süffisant feststellte: „Im Dorf zurück blieben eine paar trauernde ‚SS-Witwen‘ ….“

