Hans Gillberg, Lagerkommandant
"… daß ich als Kommandoführer nur für die Sicherheit des Lagers verantwortlich war …"
(Gillberg in einem Brief an seinen Rechtsanwalt am 30.9.1949)
Johannes oder Hans Gillberg wurde am 2. Oktober 1912 in Duisburg geboren. Duisburg blieb offenbar sein Lebensmittelpunkt. Er war blond, groß und schlank. Nach der Volksschule machte er eine Schreinerlehre, die er 1931 mit der Gesellenprüfung abschloss. Bei einer Vernehmung im Jahr 1961 (BArch B 162/8818, Bl. 69) führte er zu seinem Lebenslauf weiter aus:
“Wegen Arbeitslosigkeit ging ich 1932/33 in den Arbeitsdienst; 1934 meldete ich mich freiwillig zur Reichswehr nach Münster. Im Jahre 1937 schied ich freiwillig aus der Reichswehr aus und arbeitete anschließend bis 1939 bei der Reichspost als Kraftfahrer. Noch im gleichen Jahr wurde ich zur Artillerie in Düsseldorf einberufen. Ich machte dann den Frankreich-Feldzug mit und kam im Anschluß daran zum Einsatz in Rußland. In Rußland verblieb ich bis September 1943 mit Ausnahme einer einjährigen Genesungszeit auf Grund einer Verwundung, die ich in Spandau verbrachte. Nach dem Einsatz in Rußland war ich einige Monate im Lazarett Pirnach und kam etwa Juli / August 1944 als Wachtmeister zum KL Natzweiler. Nach 14 Tagen wurde ich als Kommandoführer in das neu aufzubauende Außenlager in Neckargartach versetzt. In Neckargartach blieb ich dann als Kommandoführer bis zum 1.4.1945. Während meiner gesamten Tätigkeit in Neckargartach trug ich ausschließlich Wehrmachtsuniform.”
Gillberg verschweigt bei dieser Vernehmung, dass er in Natzweiler als Feldwebel an einem Kommandoführer-Kurs teilnahm. Es erscheint trotz der Formulierung „haben sich … zur Einweisung … zu melden“ sehr unwahrscheinlich, dass er diesen gegen seinen Willen absolvierte. Vom 7. bis zum 18. Juli 1944 durchlief er die Abteilungen II („Politische Abteilung“), III („Schutzhaftlager“) und IV („Verwaltung“) sowie die Poststelle des Hauptlagers.
Wohl am 20. Juli kam er nach Neckargartach, ab 22. Juli 1944 war er – gleichrangig – Angehöriger der Waffen-SS im Rang eines Oberscharführers. Als Lagerkommandant war er also nicht einmal 32 Jahre alt. Ein Augenzeuge attestiert ihm insofern eine gewisse Überforderung, weitere charakterisieren den Lagerkommandanten meist negativ: derb, grob und rauh finden sich als Attribute in den Unterlagen seines Rechtsanwalts.
Die Adjektive „grob“, „derb“ und „rauh“ kommen mehrfach in den Gillberg gewogenen Aussagen vor, gepaart mit einer realen oder angeblichen Fürsorge für die Häftlinge. Der Zeuge eines misslungenen Fluchtversuchs, Tadeusz Wiestowicz, beobachtete exzessive Gewaltausübung gegenüber einem italienischen Häftling, die dieser nur knapp überlebte. Andererseits spricht der kurzzeitig entflohene Marco Cristofori von einer verhältnismäßig milden Bestrafung durch 25 nicht sehr kräftig ausgeführte Stockhiebe. Unstrittig ist, dass Gillberg im Lageralltag eine Peitsche mit sich führte.
Eine besondere Note bekommt Gillbergs NS-Biografie durch sein offen bekanntes Verhältnis mit der Tochter des Friseurmeisters Kiesel, Gertrud Schumacher – was der heilen NS-Familienideologie widersprach. Im Herbst 1944 war Gillbergs Frau Irmengard mit den beiden Kindern (ein drittes sollte folgen) nach Neckargartach gezogen und arbeitete in der SS-Küche. Gertrud Schumacher zog zusammen mit anderen Frauen den Häftlingen (und Gillberg) nach Dachau hinterher. Lange nach dem Krieg besuchten der ehemalige Lagerkommandant und seine Frau dessen frühere Freundin.
Im Anschluss an den Hungermarsch nach Dachau kämpfte Gillberg weiter:
“Wegen Frontnähe wurde das Lager aufgelöst, und ich mußte die Häftlinge mit einem Transport von etwa 300 Häftlingen in das KL Dachau verbringen. Nachdem ich die Häftlinge in Dachau abgeliefert hatte, meldetete ich mich bei einer Artillerie-Einheit in Bad-Wiessee, wo ich zum Einsatz und anschließend Anfang Mai 1945 in amerikanische Gefangenschaft kam. Bis 1947 war ich in amerikanischer Gefangenschaft, und zwar zuletzt im Kriegsgefangenenlager des ehemaligen KL Dachau. Alsdann wurde ich den Franzosen übergeben, die mich über Reutlingen, Germersheim im Jahre 1949 nach Rastatt zum Kriegverbrecher-Prozeß, wo ich Angeklagter war, verbrachten. Von meinen ehemaligen Kameraden des Lagers Neckargartach war nur noch Stange mit mir angeklagt. In Rastatt wurde ich wegen Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Organisation zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt. Gegen dieses Urteil legte ich Revision ein, die am 20.1.50 verhandelt wurde. Die lebenslängliche Zuchthausstrafe wurde durch das Revisionsurteil in eine 15-jährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Zur Verbüßung dieser Strafe kam ich anschließend in das Zuchthaus in Wittlich. In der Folgezeit habe ich mehrere Gnadengesuche eingereicht, auf Grund deren meine Strafe zunächst auf 12, dann auf zehn Jahre herabgesetzt wurde. 1955 (22. Februar) wurde ich schließlich 'bedingt' nach Hause entlassen.”
(Aus der Vernehmung Gillbergs im September 1961, BArch B 162/8818, Bl. 69)
Im Frühjahr muss er den Amerikanern kurzzeitig entkommen sein, denn er machte sich mit seiner Freundin Schumacher von Bayern aus auf in Richtung Neckargartach. Dabei verdienten sie sich in Scheppach bei Öhringen durch Erntemithilfe ihren Unterhalt. Gillberg wurde dort von den Amerikanern verhaftet und in zwei Kriegsgefangenen- sowie fünf Internierungslagern festgehalten. Das letzte dieser Lager ist ab dem 19.8.1946 Dachau (PWE 29). Dort wird am 16.12.1946 der Personalbogen (unten rechts) erstellt.
Der Lagerkommandant wies im Rastatter Prozess die Verantwortung von sich. In einem Brief an seinen Rechtsanwalt Wilhelm Kurth vom 30.9.1949, der im Übrigen jeden Strohhalm ergriff, um seinen Mandanten zu entlasten, schob er diese der höheren Befehlsebene zu. Das war der Kommandant des Gesamtlagers Natzweiler, SS-Obersturmbannführer Fritz Hartjenstein. Außerdem schob er der am Zwangsarbeits- und Verlagerungsprojekt mitbeteiligten NS-Bautruppe Organisation Todt die Schuld an Missständen im Lager zu (Abschrift aus BArch B 305/1225 Bl. 127):
"Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt,
Um unter Beweis zu stellen, daß es Aufgabe der O.T. war für Unterkunft, sanitäre Einrichtungen und Verpflegung zu sorgen und daß ich als Kommandoführer nur für die Sicherheit des Lagers verantwortlich war, halte ich es für zweckmäßig, wenn der ehemalige Lagerkommandant SS-Obersturmbannführer Hartjenstein vom ehemaligen Hauptlager Natzweiler, dem auch das Lager Neckargartach bei Heilbronn unterstand, eine eidesstattliche Erklärung in diesem Sinne abgeben würde."
Gillberg wurde über 80 Jahre alt und starb 1997 in Mühlheim an der Ruhr.

