Mieczysław Charecki
Er erhielt die letzte Häftlingsnummer im KZ Dachau: 161.896. Dies nahm ein Team des Bayerischen Rundfunks zum Anlass, um sein Schicksal 2022 in einem Film festzuhalten („Nummer 161.896. Der letzte Häftling von Dachau“).
Er war Pole, obwohl er am 8. Dezember 1915 im russischen Leningrad geboren wurde. Bis zu seiner Befreiung im KZ Dachau hatte Charecki wie die meisten Leidensgenossen eine Odyssee durch drei weitere Konzentrationslager hinter sich.
Am 2. Januar 1944 wurde er im KZ Majdanek inhaftiert. In der heutigen Gedenkstätte ist ein Fragebogen archiviert, den Charecki 1974 ausgefüllt hatte – wahrscheinlich um Rentenansprüche geltend zu machen. Darin beantwortete er auch die Frage, warum er ins KZ kam.
Am 15. September 1943 sei er in einem Zug in Minsk quasi zufällig verhaftet worden. Er sei auf dem Weg zur Arbeit gewesen, dann habe es eine Explosion im Zug gegeben. Mit ihm wurden 26 weitere Männer festgenommen. Charecki war auf dem „Feld III“ genannten Areal untergebracht, das als besonders schlimmer Lagerbereich Majdaneks galt. Bis März 1944 war Charecki dort, dann wurde er zum KZ Natzweiler/Elsass transportiert.
Nach seiner Ankunft dort war Charecki sechs Wochen krank, was durch seine Krankenunterlagen belegt ist. Darin heißt es: „Schon im Zivilleben an Lungen und Magenleiden behandelt worden. Jetzt von Tunnel-Arbeiten deswegen geschwächt. (Starker Husten).“ Weiter: „Ulcus ventriculi (?)“ [Magengeschwür]. Mit dem Tunnel ist der Eisenbahntunnel in Sainte-Marie-aux-Mines/Markirch gemeint. Diesen mussten die Häftlinge in Schwerarbeit für die Untertageproduktion von BMW-Flugmotoren ausbauen.
Als die Alliierten nach der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 immer größere Gebiete Frankreichs befreiten, mussten die linksrheinischen Lager aufgelöst und über den Rhein gebracht werden. Zusammen mit rund 600 Mithäftlingen kam Charecki so Anfang September 1944 nach Heilbronn-Neckargartach, wo wieder Untertage-Zwangsarbeit auf ihn wartete. Diesmal war es das örtliche Salzbergwerk, das für die IG Farben AG Ludwigshafen zur Rüstungsproduktion vorzubereiten war.
Im März 1945 näherten sich US-Streitkräfte dem Raum Heilbronn von Westen, sodass auch dieses Lager geräumt werden musste. Am 1. April 1945 setzte sich Charecki mit etwa 500 weiteren Häftlingen, begleitet von SS und Hunden, in Richtung Dachau in Bewegung. Dreieinhalb Wochen Entbehrungen und 345 Kilometer lagen vor ihnen. Der Hungermarsch fand erst am 27. April 1945 sein Ende. Zwei Tage darauf befreiten amerikanische Truppen das überfüllte KZ Dachau.
Charecki kehrte nach dem Krieg nicht gleich nach Polen zurück, wie Dokumente von DP-Camps belegen. Das waren Lager für „Displaced Persons“, also durch den Krieg Entwurzelte. Charecki blieb noch drei Jahre in Deutschland, wohl aus politischen Gründen. Genaueres ist unklar. Schließlich übersiedelt er jedoch wieder nach Polen. Dort starb er mit 84 Jahren.
