Berichte von Augenzeugen
“Ich hörte sein verzweifeltes Schluchzen, sein Flehen noch lange.”
(Hans Dieter Musch über einen von der SS zusammengeschlagenen Häftling)
“Des Riebele nehm i au no mit.”
(Margarethe G. zur Unterstützung der Häftlinge mit Brot)
Das Lager Neckargartach war von der SS zwar zu einer Art Tabuzone gemacht worden, dennoch war es auf gewisse Weise transparent. Nicht nur Neckargartacher Kinder konnten durch den Stacheldrahtzaun in dessen Inneres schauen, was besonders gut von der Böschung links oberhalb der Böllinger Straße gelang, also etwa von dort, wo heute das KZ-Friedhofsgelände ist. Da das Lagergelände in der Nähe von Gärten lag, wurde das Lagergeschehen von den Frauen beobachtet, die dort Gemüse zogen.
Augenzeuge Peter Hahn war mit einem Kameraden, den Fußball unter dem Arm, beim Runtergehen zum Sportplatz beim Lager. Da sah er vier Leichenträger. Sie trugen je zwei Stangen, die mit einem Tuch verbunden waren, „eine fragile Konstruktion“. Darauf lag jeweils eine Leiche. Sie kippten sie in eine Grube, die an der Stelle lag, wo sich eine Grasfläche vor dem heutigen Gedenk-Areal erstreckt. Dieser Aushub umfasste eine Fläche von etwa drei mal vier Meter. Der Augenzeuge wollte zuerst nicht in die Grube schauen – „Hans, wir gucken nicht rein“ –, sah dann aber doch hinein. Es lagen darin zwei tote Körper, „nackt und ohne Blut“. Der Augenzeuge dachte: „Sie haben wieder einen erschossen.“(Risel 2025, S. 61)
Besonders häufig sind Berichte aus der Neckargartacher Bevölkerung vom An- und Abmarsch der Häftlinge zu den Arbeitsstellen rund um das Salzbergwerk oder von anderen Arbeitseinsätzen.
Der im Herbst 1944 zehneinhalbjährige Hans-Dieter Musch war als „Ausgebombter“ mit Mutter und Großmutter im Gasthof „Zum Schiff“ in Neckargartach untergebracht. Im „Schiff“ war schon ab Frühjahr ein Vorauskommando zum Aufbau des KZs stationiert gewesen.
"Meine Mutter und ich waren schon zuvor für einige Monate in Neckargartach gewesen. Wir hatten miterlebt, wie sich die Organisation Todt in den stillgelegten Wirtschaftsräumen einnistete. Vom Bau des Westwalls zurückgekehrt, hatten die Bautrupps jetzt andere Aufgaben zu erfüllen: Sie taten es mit Hilfe der Insassen des Konzentrationslagers Neckargartach, das etwas außerhalb des Orts in Richtung Untereisesheim lag. Morgen für Morgen sahen wir mit an, wie sich die Truppe der Halbverhungerten im Garten sammelte, um die Spaten für die Arbeit in Empfang zu nehmen. Gebaut wurde irgendein Barackenlager in der alten Ziegelei, das entweder als KZ-Lager dienen sollte oder - wie Gerüchte hartnäckig behaupteten - das einem Team zugedacht war, das sich mit der Entwicklung einer neuen Wunderwaffe beschäftigte. […] Wir Kinder, meine Base und ich, mischten uns oft unter die Häftlinge in ihren gestreiften Anzügen. Wir hatten keine Angst, ich weiß nicht warum. Zwar war uns von irgendwem gesagt worden, der Kapo sei ein ganz Gefährlicher, er habe schon mehrere Menschenleben auf dem Gewissen. Und wir mieden ihn auch, trotzdem hatten wir keine Angst vor diesen Leuten. Vielleicht sahen sie zu ärmlich, zu schwach aus.
Eines Tages sprach mich einer der auf ihren Abmarsch wartenden Häftlinge an, ein großer, hagerer Mann mit brennendem Blick; er sprach nur gebrochen Deutsch. “Junge”, sagte er, nein, schrie er, schrie er, “Junge, gib mir doch Glas Wasser, Junge. Ich habe Durst, Junge. Ich halt‘ das nicht aus. Ich will mich ertränken, Junge. Bitte, bring mir ein Glas Wasser...” Ich hörte sein verzweifeltes Schluchzen, sein Flehen noch lange. Auch als ihn die jungen, blutjungen, unerbittlichen SS-Männer mit Gewehrkolben geschlagen und von mir abgedrängt hatten. “Junge, gib mir Glas Wasser... bitte... Junge...” Später sagte mir irgendwer, der Mann sei ein rumänischer Professor gewesen, ein übergeschnappter. Er sei tot.
Wie die Häftlinge ums Leben kamen, das erlebten meine Base und ich auf einem unserer nachmittäglichen Streifzüge aufs andere Neckarufer. Drüben bei der Gärtnerei Büchele begegneten wir einem Trupp KZler (so sagte man damals: schlicht KZler). […] Und einer der Geschwächten brach vor unseren Augen zusammen, einfach so. Die Knie knickten ihm ein, und da lag er auf dem staubigen, von der Hitze rissigen Feldweg. “Aufstehen!” brüllten die SS-Leute, die blutjungen, achtzehn-, neunzehnjährigen, die kaum richtig Deutsch konnten, weil sie meist aus Siebenbürgen stammten. “Aufstehen, du Schwein, oder sollen wir dir Beine machen?” Wir standen und schauten. Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte. Vielleicht: warum hilft ihm denn keiner? Ein paar seiner Mitgefangenen versuchten ihn hochzuhieven, aber es war ein vergeblicher Versuch.
Wie sollten diese ausgelaugten Gestalten jemanden auf die Beine stellen, wenn sie selbst kurz vorm Umfallen waren? “Aufstehen!” brüllten die dunkelgrün Uniformierten. Und dann schlugen sie auf den Mann ein, abwechselnd, zu mehreren. Mit den Gewehrkolben, die Hände machten sie sich nicht schmutzig. Ich glaube nicht, dass die SS-Männer lachten oder sich freuten. Ich glaube, sie taten einfach ihre Arbeit. So wie andere Bretter hobeln oder Löcher bohren oder Bücher schreiben, so prügelten sie diesen Mann. Und tatsächlich: wir staunten. Der Mann erhob sich nochmals, machte ein paar Schritte, taumelte, fiel zu Boden, zuckte unter neuen Kolbenhieben, blieb liegen. Er lag da wie mein Kasperle, wenn ich den in den Schrank warf, gliederlos, reglos, das Gesicht noch zur Grimasse geschnitten.
Ich glaube nicht, dass er geschrien hat. Ich weiß es aber nicht mehr. Ich glaube nicht, dass einer der Mitgefangenen um ihn geweint hat. Ich weiß nicht, ob Helga und ich etwas gesagt haben. Wir standen in diesem herrlichen, warmen Sonnenlicht und sahen zu, wie die Flickenpuppe auf einen mitgeführten zweirädrigen Karren geworfen wurde. Wir hatten uns schon immer gefragt, warum die KZler wohl die zweirädrige Karre stets mit sich führten...
Wenn ich an diese Szene zurückdenke, dann ist sie fast stumm, fast lautlos für mich. Ich kann nur die barschen Befehle, das “Aufstehen!” hören, das die Bewacher brüllten. Und dann das dumpfe Geräusch der auf den Körper auftreffenden Gewehrkolben. Es klingt so ähnlich, wenn die Oma Koteletts klopft...
Jeden Morgen und jeden Abend marschierte die Kolonne der Häftlinge durch Neckargartach. Manch mitleidiger Blick traf die triste Schar, und mancher Apfel, manche Brotrinde wurde den Gestreiften vor die Füße geworfen. Anders geht es nicht, denn es ist verboten, den Häftlingen etwas zu geben. Wenn sie Glück hatten, konnten sie sich rasch nach der Gabe bücken. Wenn sie Pech hatten, zertrat ein SS-Mann mit dem schwarzen Stiefel grinsend Frucht oder Brotrest."
(Erinnerungen von Hans-Dieter Musch, S. 14f. StadtA HN E007-71)
Berichte von Einheimischen über einen direkten Kontakt mit den Häftlingen etwa unter Tage fehlen mit wenigen Ausnahmen. Grundtenor ist das Mitleid mit den Häftlingen, das häufiger zu verbotenen Unterstützungshandlungen führte, insbesondere dem Zustecken oder Deponieren von Essbarem.
Der an der Stiftsberg-Baustelle arbeitende Oberschachtmeister Matthias G. sammelte so lange 50-Gramm-Brotmarken, auch bei Bekannten, bis er einen Laib Brot zusammenhatte. Auch seine Familie sparte sich Brot vom Mund ab: „Des Riebele nehm i au no mit.“ Er steckte den Brotlaib und auch Tabak in seinen Rucksack und gab beides auf der Baustelle einem Häftlingskapo zum Verteilen. Dies, um selbst nicht entdeckt zu werden. G. begehrte auch bei Vorgesetzen auf: „Ich kann doch von den Leuten keine Leistung verlangen, wenn sie halb verhungert sind!“(Risel 2025, S. 51)
Sehr selten sind Aufstachelungen der Wachleute zu größerer Härte oder das zynische Werfen von Brotresten, damit die Häftlinge sich darum schlagen sollten.
Einmal stand an der Ecke Wimpfener/Böllinger Straße eine Mutter mit mehreren Kindern, als die Marschkolonne der Häftlinge vorbei ging. Die Kinder forderten die Posten auf, sie sollen diese „Banditen“ schlagen. Dazu übergaben sie den Wachposten Stöcke und Ruten, die sie aus dem Gebüsch am Straßenrand gebrochen hatten. Zum Vergnügen der Zuschauer schlugen die Posten auf die Häftlinge ein. Andere Erwachsene machten sich daraus einen Spaß, extra zerbröseltes Brot zwischen die Häftlinge zu werfen. Deren Hunger war so groß, dass sie sich auf die Krümel stürzten. Erst ein Schuss eines Wachsoldaten konnte die Marschordnung wieder herstellen. Das Geschehene erfreute die Passanten. (Fischer/Huth 2004, S. 51)


