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Stane Uršič

„Auf dem Marsch ernährten wir uns von Abfällen und Gras. Ich wog nur noch dreißig Kilogramm, als ich das zweite Mal in Dachau ankam.“

(Stane Uršič nach Fischer/Huth 2004, S. 56)

Uršič wurde am 26. Oktober 1926 in Ljubljana geboren. Er wurde während der deutschen Besatzung seiner Heimat als „Partisan“ für ein unabhängiges Slowenien verhaftet und von der Sicherheitspolizei Veldes (Bled) mit einem Sammeltransport weiterer Slowenen am 19. März 1944 in das KZ Dachau eingeliefert. Dort erhielt er die Nummer 65841, er wog 68 kg. Zu diesem Zeitpunkt war er erst 17 Jahre alt, seine Karteikarte weist ihn als Student aus.

Fischer/Huth (2004) stellen ausführlich die Vorgeschichte der Inhaftierung dar:

“Sein Bruder war früh zu den Partisanen gegangen und am 8. März 1943, als 16-Jähriger, schloss sich Stane Uršič ebenfalls dem Widerstand an, was seine Eltern aber nicht erfahren durften. [Zu diesem Zeitpunkt war seine Heimat vom faschistischen Italien besetzt.]

Seine ersten Aktionen bestanden darin, dass er Munition besorgte: Soldaten brachten ihre Kleider zu seiner Schwester zum Waschen und stellten dazu ihre Gewehre relativ unbeaufsichtigt ab. Diese Situation nutzte [er], um Munition zu ‘organisieren’. Einmal wurde er verdächtigt und für sechs Wochen in Arrest genommen. Da ihm aber nichts nachgewiesen werden konnte, kam er wieder frei.”

Am 9. September 1943 kapitulierte die italienische Armee und deutsche Truppen und SS übernahmen das Regiment in Slowenien. Uršič ging als Partisan in die nahen Berge. "Aber schon nach drei Monaten wurde er in Brezice am Fluss Sava von slowenischen Kollaborateuren […] verraten.“ Beim Besuch einer Tante nahmen ihn die Deutschen gefangen. Er wurde verhört und mit Erschießen bedroht. „Man überführte ihn [dann aber] nach Ljubljana, wo die Gestapo und die slowenische Polizei im Schloss und in der Schule für Technik Gefängnisse eingerichtet hatte[n]. Es war schrecklich kalt und Stane Uršič bekam Ohrfeigen von einem Gestapo-Mann.“ Im März 1945 kam er, wie erwähnt, nach Dachau.

Am 27. März 1944 wurde er von dort zum KZ Natzweiler überstellt (Nr. 10136). Hier musste er im Außenlager Markirch Zwangsarbeit leisten. Nach seinen Angaben kam er im Zuge der Auflösung der linksrheinischen Lager am 9. September 1944 von Markirch nach Neckargartach und blieb dort bis zum Lagerende.

30 Häftlinge waren als Vorauskommando schon in Neckargartach. „Das Lager war bei Ankunft leer.“ Abends mussten 500 gleich zur Nachtschicht, er selbst erst am nächsten Tag zur Tagschicht. In Markirch hatte er eine neue Uniform bekommen. Der Herbsttransport aus Markirch nach Neckargartach war jedoch nicht mit neuen Mänteln ausgestattet worden. In Neckargartach waren auch nicht alle Schuhe neu. Uršič hat sich gegen die Kälte Zementsäcke unten in die Uniform „reingestopft“, was verboten war. Die Holzschuhe waren schnell abgenutzt, sodass man geschaukelt hat. Eine Zeit lang hatte er keine Strümpfe, daher war seine Haut aufgeschürft. 

Stane Uršič arbeitete untertage an einer „Riesenbetonmaschine“, deren Spirale einen Durchmesser von 30 Zentimetern hatte. „Sie zog Sand rein. Der spritzte nach allen Seiten weg, es war zu viel. Ein Aufseher von der Organisation Todt rief: ‚Komm her!‘“ Uršič musste mit einem Brett verhindern, dass zu viel Sand von einem Kipper in die Maschine kam und wegspritzte. Er war aber zu schwach und so wurde das Brett in die Maschine hineingezogen. Der OT-Mann war dabei, warf sich auf ihn, schlug ihn und trat ihn mit Stiefeln, sodass er bewusstlos wurde. Kameraden zogen ihn fort und versteckten ihn bei Abfällen bis zum Ende der Schicht. Sie brachten ihn dann, links und rechts gestützt, ins Lager. Dort wollte er nicht ins „Spital“, die Krankenbaracke Nr. 3, denn „da ist fast niemand rausgekommen.“ Die anderen hielten ihn „eine Woche versteckt“, bis er wieder arbeiten konnte.

Uršič war nach dem Bombenangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 im Hafenkommando rechts an der Böckinger Brücke eingesetzt. Die Häftlinge mussten den Hafen wiederaufbauen und Zement sowie „Betonziegel ausladen“. Eine „Strafarbeit“ war es, „Bomben heraus(zu)ziehen, Blindgänger“. Die Bombe wurde „gedreht, Kopf nach oben, mit Pickel sauber gemacht rundrum“. Die ganze Bombe kam mit Hilfe von Winden heraus. Einmal ist eine Bombe „explodiert“, auch zwei, drei Posten und sieben, acht Häftlinge waren tot. Es war eine 500 kg-Bombe, Uršič kam gerade von der Schicht, es war beim Abendessen. 

Er hat (wie andere auch) beim Trümmerräumen Schmuck „gestohlen“: „Ich hab‘ auch geklaut, zweimal.“ Die Posten hatten ihn nicht entdeckt, sonst wäre er erschossen worden. Trotz Kontrolle durch den Oberfeldwebel des Kommandos brachte er den Schmuck dem Lagerältesten, dem Kapo oder dem Blockältesten und tauschte dafür Brot ein. Der Blockälteste machte ein Loch in die Erde und tat den Schmuck in eine „große Schachtel“, die schon Schmuck enthielt. Uršič berichtete von weiteren dramatischen Wertstoff- und Lebensmittel-Plünderungen, die für ihn aber jeweils ohne negative Konsequenzen blieben. Das eingetauschte Brot rettete ihm das Leben.

In der Nähe des Einsatzortes trafen sie eine Feldküche des Roten Kreuzes mit zwei oder drei Frauen. Der Kapo fragte, ob sie etwas abbekommen könnten. Die Frauen gaben ihnen bereitwillig vom Essen ab. Uršič bekam so sechs Mal Essen, die etwa zwei Liter fassende rote Emailschüssel hatte er immer dabei, einen Löffel auch, doch der wurde oft von anderen „organisiert“. Er brachte auch eine Schüssel voll Makkaroni für einen Freund ins Lager, mit dem er alles geteilt hat.

Am Ende des Hungermarsches nach Dachau wog Uršič nur noch 30 kg. Ein Krankentransport führte ihn am 1. Juni 1946 zurück nach Ljubljana, Ende des Monats, nach einem Krankenhausaufenthalt, kam er schließlich nach Hause, wo man ihn nicht sofort erkannte. Ein Jahr lang aß er nach eigenen Angaben ununterbrochen. Er „fand nur schwer ins normale Leben zurück“. Militärdienst und sehr wechselvolle berufliche Arbeiten kennzeichnen seinen weiteren Lebensweg.

Im Jahr 2002 fuhr er die Stationen seines Hungermarsches nach und erstellte eine Karte dazu. Er nahm Kontakt auf mit der Gedenkstätte Neckarelz, woraus ein Besuch einer kleinen Delegation in Ljubljana im September 2002 resultierte. 2003 besuchte er mit Neckargartach noch einmal die Stätte seiner Leiden. 

Am 28. März 2004 starb Stane Uršič in Ljubljana.