Alois Reiss
„Die meisten verstorbenen Männer wurden in Massengräbern oben auf einem Hang auf der anderen Seite der Straße begraben. Man hat nicht versucht, die Gräber zu verstecken.“
(Alois Reiss in einer Aussage vor der Mobile Field Interrogation Unit No. 5 der 7. US-Army im April 1945: “Most of the men who died during that time were buried in mass graves, on the hill across the Neckargartach [sic] Road. No attempt was made to hide the graves.”)
Alois Reiss, Maler, Jahrgang 1926, stammte aus dem Elsass und wurde im Zuge der Zwangsrekrutierungen der elsässischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten Angehöriger der Luftwaffe. Nachdem der Befehl erlassen worden war, der den Einsatz von Elsässern als Flieger untersagte, versetzte man Reiss von der Fliegerschule zum 6. SS-Totenkopfsturmbann Natzweiler und teilte ihn zum Wachdienst im KZ-Neckargartach ein, wo er im September 1944 zusammen mit 36 weiteren ehemaligen Luftwaffen-Angehörigen eintraf.
Der junge Mann war gegen das NS-Regime und versuchte in seiner Rolle als Wachmann in Neckargartach den französischen Insassen des Lagers so gut er konnte behilflich zu sein. Er schrieb Briefe an ihre Familien und nahm Pakete aus ihrer Heimat für sie entgegen. Als seine verbotenen Aktivitäten entdeckt wurden, wurde er im Lager verhaftet und zum Tod durch den Strang verurteilt. Es gelang ihm zu fliehen, als er von der Überquerung des Rheins durch die Alliierten erfuhr.
Sein Fluchtversuch war erfolgreich, sodass Reiss zur herannahenden US-Army gelangen konnte. Die Amerikaner verhörten ihn im April 1945 als wichtigen Zeugen und intelligenten und auskunftswilligen Informanten, der ihnen Informationen über das KZ Neckargartach und deren Personal liefern konnte.
Welches Schicksal Alois Reiss nach dem Ende des Krieges ereilte, ist bislang nicht bekannt. Fest steht, dass er zu den 130.000 “Malgré-nous” (dt. “gegen unseren Willen”) gehörte, die als Elsässer und Lothringer von den Nazis unter Todesandrohung zwangsrekrutiert und später in Frankreich dennoch als Verräter und Kollaborateure gebrandmarkt wurden. Erst heute beginnt man in Frankreich, die Geschichte dieer Menschen anders zu deuten - nämlich als Opfer des Zweiten Weltkriegs.