Auflösung des Lagers - Todesmarsch
„Das schauerliche Bild all dieser wandelnden Leichen gräbt sich unvergesslich in unsere Phantasie ein.“
(Jean-Pierre Bretnacker über die zum letzten Appell angetretenen kranken Häftlinge)
Ende März drangen amerikanische Truppen aus westlicher Richtung nach Heilbronn vor. Am 31. März 1945 „verfrachtete“ die SS deshalb rund 300 nicht mehr gehfähige Häftlinge, darunter sicher viele Typhuskranke, in überfüllten Viehwaggons in Richtung Dachau. Ohne richtige Kleidung und fast ohne Nahrung und Wasser brauchte der Transport bis zum 9. April, um anzukommen. (Vgl. den Bericht zu Paul Dosda bei Goldschmitt 3 (1946), S. 62) Der SS-Mann Simon Gunesch ist als einziger begleitender Wachmann namentlich bekannt, mehrere Feldwebel der Luftwaffe sollen ebenfalls dabei gewesen sein, darunter der Kommandoführer.
In Dachau kamen 252 Häftlinge lebend an.Sie wurden am 9. April 1945 als Neuzugänge im Dachauer Zugangsbuch verzeichnet - irrtümlicherweise als “Über[stellung]. v. KL Natzw[eiler].-Neckarelz” (s. Abb. unten links). Die Toten wurden entlang der Bahnlinie begraben.
Das Gros der Häftlinge, etwa 500, musste einen Tag später als die Kranken, am Ostersonntag, den 1. April 1945, den Weg nach Dachau zu Fuß antreten. Hunger und Durst, Regen und Kälte, Angst vor alliierten Flugzeugen und SS-Gewalt prägten diesen Marsch. Über seinen Verlauf (s. Karte oben) sind wir durch Augenzeugen unterrichtet, besonders aber durch ein heimlich geführtes Tagebuch des slowenischen Häftlings Jože Grčar.
Unterwegs gelang es einer zweistelligen Zahl von Häftlingen zu fliehen, auch SS-Wachen entfernten sich von der Kolonne.
Weitgehend übereinstimmend berichteten drei Häftlinge in den Rastatter Prozessen von der Ermordung zweier russischer Häftlinge. Dies geschah am 21. April in Prittriching-Winkl südlich von Augsburg, also wenige Tage vor Marschende und Befreiung durch die Amerikaner. Die beiden hatten sich beim Appell vor dem Abmarsch in der Scheune versteckt gehalten, um zu fliehen, wurden aber entdeckt und erschossen.
Im Gegensatz zu den Gefangenen zeichneten die nach dem Krieg befragten Wachleute ebenso wie die Freundin des Lagerkommandanten ein beschönigtes Bild vom Hungermarsch. Demnach habe es keine Tötungen oder Misshandlungen gegeben und gehunfähige Häftlinge hätten sogar auf einem mitgeführten Ochsenwagen fahren dürfen. Dass dieser schwere Wagen aber von den Häftlingen gezogen werden musste, wurde verschwiegen.
Am Ende kamen 441 Häftlinge am 27. April 1945 in Dachau an, viele wurden zwei Tage später von der amerikanischen Armee befreit. Einige wurden wohl noch auf einen letzten Todesmarsch in Richtung Tirol geschickt, wo die US-Armee die letzten SS-Reste gefangen setzte. Mehrere Häftlinge starben noch in den nächsten Wochen nach der Befreiung, so beispielsweise der polnische Häftlingsarzt Jan Górski († 24. Mai 1945).



